OZEANVERSAUERUNG

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Ozeanversauerung - die andere Seite des CO2-Problems

Zwei Drittel der Erde sind von Wasser bedeckt. Dennoch sind die Auswirkungen des Klimawandels an Land weitaus besser erforscht als die Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften im Ozean.

Seit Dekaden nehmen unsere Meere und Ozeane immer mehr Kohlendioxid auf – sie versauern. Pflanzen und Tiere reagieren teils positiv, teils negativ auf die Veränderungen: Die Rollen im Nahrungsnetz werden neu verteilt. Hinzu kommen verschiedene weitere Umweltfaktoren, die den Wandel verstärken oder abmildern können. Fest steht: Die Artenvielfalt wird abnehmen. Außerdem kann der Ozean nicht beliebig viel Kohlendioxid (CO2) aufnehmen. Verringert sich die CO2-Speicherung im Meer, beschleunigt das den Treibhauseffekt.

Forschende sind dabei, Prozesse im Meer zu entschlüsseln, Folgen zu ermitteln und Auswirkungen für die Gesellschaft abzuschätzen. Je tiefer sie ins System blicken, desto deutlicher werden die komplexen Verflechtungen. 

Es ist uns gelungen, einen der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet, Prof. Ulf Riebesell vom GEOMAR in Kiel, für einen Vortrag zu diesem Thema zu gewinnen. Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel ist eine der weltweit führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Meeresforschung. Aufgabe des Instituts ist die Untersuchung der chemischen, physikalischen, biologischen und geologischen Prozesse im Ozean und ihre Wechselwirkung mit dem Meeresboden und der Atmosphäre. Mit dieser Bandbreite deckt das GEOMAR ein in Deutschland einzigartiges Spektrum ab.

Der Vortrag fand am 20. Juli in den Räumen der Volkshochschule Böblingen-Sindelfingen statt, die Mitveranstalter war. Etwa 50 Zuhörer wurden von Herrn Riebesell in das Thema eingeführt. Obwohl vielen das grundsätzliche Problem bekannt war, erschreckte doch das Ausmaß der stattfindenden Veränderungen. Die massiven CO2-Emissionen, die durch die Industrialisierung und Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas entstanden und entstehen, werden zu etwa 30% von den Ozeanen aufgenommen und führen dort zu vermehrter Säurebildung, die weltweit, aber betont in den arktischen Gewässern, nachweisbar ist. Die zunehmende Versauerung der Ozeane führt dazu, dass sie korrosiv werden, d.h. vermehrt Kalkstrukturen aufgelöst werden. Da viele marine Organismen Kalkschalen oder Strukturbestandteile aus Kalk aufweisen, werden diese geschädigt und in ihrer Überlebensfähigkeit eingeschränkt werden. Das betrifft kleinste Organismen wie Kalkalgen, Zooplankton wie die Flügelschnecke, Korallen, Muscheln, Krebse und auch Fische. Damit ändert sich nicht nur die Nahrungspyramide in den Meeren, sondern auch der Raum mit der höchsten Biodiversität (Korallenbänke), die "Kinderstube" vieler Fischarten. Die Auswirkungen sind derzeit kaum abzusehen, aber gravierend. Meeresbereiche mit natürlicher CO2-Ausgasung bilden ein "Fenster in die Zukunft" und zeigen einen stark reduzierten, einförmigen Lebensraum. Es wird auch Organismen geben, die von der zunehmenden Versauerung profitieren können wie Blaualgen oder Quallen, was zumindest für uns Menschen eine unangenehme Entwicklung darstellt. Grundsätzlich können sich Lebewesen mit einer zunehmenden Versauerung arrangieren bzw. sich evolutionär adaptieren (es gab in der Geschichte unseres Planeten vor vielen Millionen Jahren schon höhere CO2-Werte), die Geschwindigkeit der menschengemachten Veränderung lässt dies aber jetzt nicht zu.

Was die Reduktion der Biodiversität für die Menschheit bedeuten kann, schnitt Prof. Riebesell zum Schluß an. Vor allem die eine Milliarde Menschen in den Entwicklungsländern, die vom Fisch und Fischfang leben, dürften sich dann auch aufmachen eine andere Möglichkeit des Überlebens zu finden.

Die Lösung sieht Prof. Riebesell einzig in der dramatischen Reduktion unserer CO2-Emissionen, d.h. einer raschen Transformation unserer Energiewirtschaft und Verkehrswesens, die unbedingt in den nächsten 3 Jahren eingeleitet werden müsse. Falls wir an dieser Aufgabe scheitern, möchte er sich die dann auf uns zukommenden Probleme gar nicht vorstellen. Da grundsätzlich die technologischen Mittel für diese Umgestaltung vorhanden seien, glaubt er daran, dass die Menschheit diesen Schritt schaffen wird.

Es schloß sich eine lange und überaus lebhafte, auch kontroverse Diskussion an, die den spannenden, interessanten und sicherlich auch nachdenklich machenden Abend beendete.

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Wissenschaftsporträt Ulf Riebesell