Der Einkaufsratgeber Fisch

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Nicht jedes Fischprodukt ist gleichermaßen ökologisch vertretbar. Viele Speisefischbestände sind überfischt oder am Rande der Überfischung, sensible Ökosysteme werden durch zerstörerische Fangmethoden oder Abwässer von Zuchtfarmen geschädigt. Im Grunde bedeutet das: Wer weiterhin Fisch essen will, muss weniger Fisch essen – und bewusster.

Den Überblick zu behalten, welche Fischprodukte man bedenkenlos einkaufen kann, ist allerdings nicht ganz einfach: Karpfen ist grundsätzlich in Ordnung, Aal und Makrele sind es beispielsweise nicht. Über Faustregeln hinaus hilft der Greenpeace-Fischratgeber, der jetzt in einer aktualisierten Fassung erscheint.

Auf Papier im Taschenformat oder als App soll der Ratgeber Orientierungshilfe beim Fischeinkauf geben. Denn auch bei grundsätzlich noch vertretbaren Arten wie Hering oder Wels kann es, je nach Herkunft, große Unterschiede in Sachen Nachhaltigkeit geben. „Um eine umweltbewusste Wahl zu treffen, reicht der Blick auf die Fischart allein deshalb nicht aus“,  erklärt Sandra Schöttner, Greenpeace-Expertin für Meere. Hering aus bestimmten Sub-Fanggebieten des Nordost- und Nordwestatlantiks lässt man beispielsweise besser liegen.

BEIM EINKAUF MEERESSCHÜTZER WERDEN

Dank des Fischratgebers kann der Verbraucher aktiv zum Schutz der Meere beitragen: Die Nachfrage bestimmt schließlich das Angebot – gelangt weniger Fisch aus überfischten Beständen oder geschwächten Ökosystemen in den Handel, haben diese die Möglichkeit, sich zu erholen. Außerdem gibt der Fischratgeber dem Verbraucher Informationen an die Hand, um an der Fischtheke oder im Restaurant gezielt nachfragen zu können. Gegebenenfalls kann man als Kunde seinen Supermarkt oder sein Lieblingsrestaurant dazu anzuhalten, das Angebot künftig nachhaltiger auszurichten.

GÜTESIEGEL REICHEN NICHT

Gütesiegel, wie sie verschiedene Hersteller auf ihre Produkte kleben, sind für eine Kaufentscheidung mit gutem Gewissen allerdings nicht aussagekräftig genug. Derzeit ist aus Greenpeace-Sicht keine Zertifizierung für Fischprodukte auf dem Markt, auf die der Verbraucher uneingeschränkt vertrauen kann.

Rund 115 Arten hat Greenpeace in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern bewertet. Dabei wurden 550 Wildfischbestände betrachtet sowie 120 Zuchtmethoden, die von Land zu Land jeweils unterschiedlich sind. Die Bewertung berücksichtigt bei Wildfischereien neben dem Zustand des jeweiligen Fischbestands auch, inwieweit sich die Fangmethode auf die Umwelt auswirkt. Bei Aquakulturen wiederum spielen etwa die Herkunft der Eier beziehungsweise der Jungtiere, die Zusammensetzung des Futters sowie die Einhaltung von Menschenrechten der Arbeiter in den Aufzuchtstationen eine Rolle. Damit gehen die Greenpeace-Bewertungen deutlich weiter als viele der im Handel vertretenen Gütesiegel.

Dennoch ist eine Empfehlung des Fischratgebers keine Unbedenklichkeitserklärung für ungebremsten Konsum. Abgesehen von der „grünen“ Bewertung einzelner Wildfischereien und Aquakulturen rät Greenpeace grundsätzlich zu einem bedachteren Umgang mit Fisch als Lebensmittel. „Fisch sollte als Delikatesse betrachtet werden, für die man sich selten und bewusst entscheidet“, so Schöttner. Von Fischindustrie und Einzelhandel fordert Greenpeace eine durchgängig nachhaltige und transparente Vorgehensweise bei Produktion und Einkauf.

UMWELTSCHONENDE FANGMETHODEN FÜR NACHHALTIGEN FISCHKONSUM

Ein verändertes Verbraucherverhalten ist ein wichtiger Schritt, den Lebensraum Meer zu schützen. Für dieses Ziel muss auch die Politik aktiv werden. Nur mit großflächigen Schutzgebieten, weniger Fischfang und alternativen Fangmethoden gibt es die Chance, die Artenvielfalt in den Meeren zu erhalten und uns Menschen langfristig mit Fisch zu versorgen. Dies kann zum Beispiel mit einer umweltschonenden Küstenfischerei gelingen. Sie hat eine jahrhundertelange Tradition und ist, anders als die industrielle Fischerei, nicht im großen Maßstab für die Überfischung verantwortlich. Eher ist sie eines ihrer Opfer. Eine Förderung der Küstenfischerei – sofern sie nachhaltig betrieben wird – würde maßgeblich helfen, die Fischereikrise mittelfristig zu bewältigen und unsere Meere zu schonen.

 

INTERVIEW mit Dr. Rainer Froese (Helmholtz-Institut für Ozeanforschung):

Die Meere sind in der Krise. 61,3 Prozent der weltweiten Speisefischbestände sind laut FAO, der Welternährungsorganisation, bis an die Grenze genutzt; 28,8 Prozent sind bereits überfischt oder erschöpft. Was also darf noch auf den Speiseplan, wovon ist abzuraten? Der Greenpeace-Einkaufsratgeber Fisch, der gerade in einer aktualisierten Version erschienen ist, hilft Verbrauchern beim Einkauf mit gutem Gewissen.

Das tatsächliche Ausmaß der Überfischung geht noch weit über die offiziellen Zahlen der FAO hinaus, wie eine kürzlich im Fachmagazin "Nature" veröffentlichte Studie der Meeresbiologen Daniel Pauly und Dirk Zeller belegt. Wir fragten bei Dr. Rainer Froese vom Helmholtz-Institut für Ozeanforschung nach, welche Schlüsse aus den alarmierenden Ergebnissen zu ziehen sind.

Greenpeace: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der vorliegenden Studie?

Dr. Rainer Froese: Die weltweite Fischerei entnimmt den Ozeanen ungefähr 50 Prozent mehr als bisher angenommen. Seit Mitte der 90er Jahre geht der Weltfang zurück, und zwar deutlich stärker als man dachte. Weil aber in dem gleichen Zeitraum der globale Fischereiaufwand zugenommen hat, lässt das nur einen Schluss zu: Die Anzahl der Fische in den Weltmeeren nimmt ab, die Weltmeere werden überfischt.

Sind die Ergebnisse für Experten überraschend?

Nein, sie sind nicht wirklich überraschend. Man wusste wohl, dass die offiziellen Zahlen die tatsächlichen Fänge unterschätzen. Das Ausmaß und der Trend waren allerdings nicht bekannt.

Warum ist eine realistische Einschätzung des tatsächlichen Fangs so schwierig? Gibt es grundsätzliche Versäumnisse in der Form, in der die FAO Daten erhebt?

Die Länder haben an die FAO nur die geschätzten Anlandungen berichtet. Beifang und Rückwurf, illegale Fänge, Fänge der Kleinfischer und Angler wurden nicht berücksichtigt. Besonders Rückwurf und Kleinfischerei können aber erhebliche Mengen ausmachen. Die FAO bemüht sich bereits, bessere Daten von den Ländern zu erhalten.

Wie können die Ergebnisse der Studie helfen, zukünftig genauere Zahlen zu erheben?

Die Studie zeigt beispielhaft, wie man Rückwurfmengen und Kleinfischerei-Anlandungen besser abschätzen kann, auch wenn keine regelmäßigen Daten vorliegen. Einige Länder haben bereits positiv reagiert und wollen nun Methoden der Studie übernehmen. Vielen Entwicklungsländern fehlt dazu aber die Infrastruktur – und manchmal auch der politische Wille.

Wie kann man die Länder in die Verantwortung nehmen?

Die FAO hat keine Handhabe, die Länder zur Erhebung und Übermittlung besserer Daten zu zwingen. Das geht nur mit Überzeugungsarbeit, und das ist ein mühsamer Prozess.

Was passiert mit kollabierten Beständen, also solchen, bei denen der Fang um mehr als 90 Prozent  zurückgegangen ist. Haben die noch eine Chance sich zu erholen?

Die Fälle, in denen kollabierte Bestände sich auch nach Jahrzehnten nicht erholt haben, mehren sich. Etwa weil sie als Beifang in anderen Fischereien landen. Direkt vor unserer Haustür haben wir das Beispiel des Kabeljaus in der Deutschen Bucht. Der Bestand ist wegen massiver Überfischung zusammengebrochen. Obwohl die Fischerei jetzt seit mehr als zehn Jahren überwiegend in der nördlichen Nordsee stattfindet, hat sich der südliche Bestand bis heute nicht erholt.

Das klingt nach einer düsteren Zukunft. Werden wir in 50 Jahren überhaupt noch Fisch essen können?

Die gute Nachricht ist, dass Europa seit 2014 eine reformierte gemeinsame Fischereipolitik hat, die die Beendigung der Überfischung bis zum Jahr 2015, spätestens aber bis 2020 vorschreibt. Alle Fischbestände sollen wiederaufgebaut werden. Leider wird diese Reform von den verantwortlichen Ministern nicht umgesetzt: Auch in diesem Jahr sollen etwa zwei Drittel der Bestände weiter überfischt werden. Wenn die Reform umgesetzt wird, dann werden wir schon bald gesunde Fische aus gesunden Beständen genießen können, und wir gäben ein wichtiges positives Beispiel für den Rest der Welt. Wenn die Reform wie bisher nicht umgesetzt wird, dann bleibt unsere Fischversorgung abhängig von den Entwicklungsländern. Dann fangen unsere Flotten weiterhin den dortigen Fischern die Nahrungsgrundlage weg – ein weiterer Grund für die derzeitigen Flüchtlingsströme.

Gibt es Konsequenzen, die man als Verbraucher selbst aus der Studie ziehen sollte?

Fisch sollte als Delikatesse betrachtet und behandelt werden. Also nur solche Fische kaufen, die aus gesunden Beständen kommen, und die so groß sind, dass sie sich vor dem Fang fortpflanzen konnten. Fischführer und Label helfen da bei der Kaufentscheidung.

 

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