Verkehr in Böblingen

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Im Mai haben sich mehrere Böblinger Einzelhändler in einem Brief an das Gewerbeforum Böblingen gewandt, um auf die schwierige Lage des Einzelhandels hinzuweisen. Einige Punkte in diesem Brief sind nachvollziehbar. Widerspruch erfordert jedoch die These, dass der Böblinger Einzelhandel durch eine Einschränkung des Autoverkehrs gefährdet werde. Diese These hat kontroverse Diskussionen hervorgerufen.

Böblinger Rad- und Umweltgruppen (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Ortsgruppe Böblingen-Sindelfingen, BUND Böblingen-Sindelfingen, Greenpeace Böblingen-Sindelfingen, Initiative Essbare Stadt Böblingen und Radeln in Böblingen) haben deshalb einen offenen Brief an das Gewerbeforum geschickt, der zum Thema Autoverkehr in Böblingen Stellung bezieht.

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Sehr geehrte Mitglieder des Gewerbeforums, 

einige Einzelhändler haben sich wegen der Verkehrslage in Böblingen in einem Brief an das Gewerbeforum gewandt. Die Autoren machen sich Sorgen um den Einzelhandel in Böblingen. 

Auch wir Böblinger Rad- und Umweltgruppen sehen den Einzelhandel in Gefahr. Während die Autoren des Briefes auf die Erreichbarkeit der Geschäfte mit dem PKW setzen, empfehlen wir eine Lösung für alle BürgerInnen von Böblingen. Wir sehen eine intakte Umwelt, eine lebenswerte Stadt und einen erfolgreichen Einzelhandel nicht als Gegensätze. 

Die Infrastruktur von Böblingen muss ökologisch weiterentwickelt werden. Es gilt, die Stadt zu modernisieren sowie nachhaltig und zukunftsfähig zu machen. Wie stellen wir uns dies konkret vor? 

Eine menschengerecht gestaltete Stadt mit hoher Lebensqualität für ihre BewohnerInnen berücksichtigt als oberstes Prinzip das menschliche Maß, insbesondere die Geschwindigkeit der Passanten, die Lautstärke und Luftqualität in der Stadt. FußgängerInnen und RadfahrerInnen erhalten in einer menschengerecht gestalteten Stadt mehr Raum und haben Priorität vor dem Auto. Mehr Platz für breitere Bürgersteige, Cafés, Kinder, FahrradfahrerInnen und FußgängerInnen heißt: das Auto muss im öffentlichen Raum dafür dauerhaft Platz machen.

Raum zum Flanieren

Wir raten den Mitgliedern des Gewerbeforums andere Mittelstädte zu besuchen. Die meisten haben eine Innenstadt, die zum Verweilen einlädt. Gehen Sie nach Rottenburg, Schorndorf, Kirchheim, Herrenberg oder selbst Sindelfingen. Dort gibt es attraktive Fußgängerzonen und weiträumige Bereiche, die für PKW tabu sind. 

Fußgängerzonen wirken sich in anderen Städten positiv auf den Einzelhandel aus. Mehr Raum für nicht-motorisierte Menschen in der (Innen-)Stadt schafft eine angenehme Atmosphäre für BürgerInnen und BesucherInnen, lädt zum Flanieren, Verweilen im Freien, Begegnungen, Einkaufen und Konsumieren ein.  

Daher widersprechen wir der von den Autoren geäußerten Behauptung, nur eine weitere Bevorzugung des Autoverkehrs und zahlreiche ebenerdige Parkplätze für Autos in der Innenstadt könnten die KundInnen motivieren, weiterhin gern in Böblingen einzukaufen.

Zweite Gruppe von KundInnen

Die Autoren fokussieren sich auf die PKW-FahrerInnen als KundInnen. Kaufen FußgängerInnen und RadfahrerInnen nicht ein? Diese sind wenig begeistert, wenn die Einzelhändler eine autozentrierte Politik betreiben. 

Wer an einer lebenswerten und nachhaltigen Stadt interessiert ist, schätzt auch ein attraktives Angebot an lokalen EinzelhändlerInnen. Viele von uns kaufen bewusst im Einzelhandel ein („Buy local!“, „Support your local dealer!“) und bevorzugen den Böblinger Einzelhandel anstelle der großen Shoppingcenter oder des Onlinehandels. 

Daher erwarten wir, die den Einzelhandel fördern wollen, dass sich auch der Einzelhandel in Böblingen für Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und eine menschengerecht gestaltete Stadt mit hoher Lebensqualität stark macht.

Ursache und Wirkung

Die Autoren sehen die mangelnde Zugänglichkeit der Innenstadt für PKW als Problem für das Geschäftsleben. 

Es könnte auch umgekehrt sein.  Die Idee, dass jedes Ladengeschäft in Böblingens enger Innenstadt mit dem PKW erreichbar sein soll, schafft das Verkehrschaos, das der Brief beklagt. 

Der überbordende Autoverkehr hat Folgen. Stau in der Innenstadt sorgt nur für Verdruss und bringt keine Kunden, schon gar keine neuen Kunden. Böblingen wirkt wenig attraktiv auf auswärtige BesucherInnen. Und zu viele BöblingerInnen gestalten ihren Aufenthalt in der Innenstadt eher hektisch: Die Aufenthaltsdauer minimieren, möglichst direkt vor dem Laden parken (selbst wenn Parken nur auf dem Gehweg oder im Parkverbot möglich ist), zum nächsten Laden fahren, um dann möglichst schnell wieder zurück nach Hause zu kommen. 

Wir BöblingerInnen sollten zusammen mit dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung in einen offenen Dialog eintreten, wie wir die Stadt im beschriebenen Sinne attraktiver gestalten können. 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Ortsgruppe Böblingen-Sindelfingen 

BUND Böblingen-Sindelfingen 

Greenpeace Böblingen-Sindelfingen  

Initiative Essbare Stadt Böblingen 

Radeln in Böblingen